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Abby – Friends And Enemies

Abby haben es geschafft. Die Unterscheidung zwischen Studio- und Live-Band – in langer musikjournalistischer Tradition wurde sie zum Bandcharakteristikum herangezüchtet – Dank dieser Band ist sie nun endlich als billiger Trick entlarvt. Denn wenn einen diese Unterscheidung bei einer Band kein bisschen weiter bringt, dann bei Abby.

Sie sind einfach beides und das geradezu vollkommen. Seit 2008 haben es Filou (Vox, Guitars), Lorenzo (Keys), Tilly (Guitars, Strings) und Henne (Drums) erfolgreich vermieden, sich für eine Seite entscheiden zu müssen, sei es diese Live-Studio-Sache oder sei es die Entscheidung, sich von irgendeiner Genre-Etikette einschränken zu lassen.

Wenn Abby auf einer Bühne stehen, werden sie sich zunächst mal einen Spass daraus machen, sämtliche Erwartungen des Publikums geschickt zu unterlaufen. Man sieht sie spielen und denkt sich: „Alle Achtung, die deutschen Snow Patrol, Coldplay, The National etc. pp.“ Wenige Minuten später aber überzeugen sie einem vom Gegenteil. Abby schaffen es beispiellos, aus herzwärmendem Indie-Pop, Floor-gerechte, einen Club bis in den letzten Winkel euphorisierende, spielend leicht improvisierte und wirklich jedes Publikum in einen Rave-Mob verwandelnde four-to-the-floor-Jams abzuleiten. Und das sowohl national wie auch international.

Im Rave, so sagen sie selbst, verwandeln sich ihre Songs in den idealtypischen Aggregatzustand. Sie sind eine Live-Band, mit ganzem Herzen. Das dürften all die Leute bestätigen, die zuletzt Festivals wie das Dockville, Apple Tree Garden, Modular oder das Eurosonic besuchten oder die ihnen während Supportshows für u.a. Bodi Bill, Get Well Soon, Trail of Dead, The Virgins oder Everything Everything begegneten.

Und sie wissen genau, wo sie hinwollen, sobald sie ein Studio betreten. Das beweist nun endlich „Friends And Enemies“, das erste große Kapitel ihres Tagebuchs, ihr Debüt, das sie zusammen mit Andreas Olsson in Londons Kensaltown Studios aufgenommen haben und das schließlich in den altehrwürdigen Hallen der Abbey Road-Studios mit dem Mastering-Ritterschlag veredelt wurde.

Der Spannungsbogen beginnt auf diesem Album bei kleinteiligen Arrangements, die beinahe unbemerkt die Erinnerungen und Projektionen des Hörers triggern und er endet in vielschichtiger Klangeuphorie. Es ist schwer abzuschätzen, wie lange dieses Album rotieren muss, um all seine kompositorischen Finessen, all seine kleinen und großen Ideen, all die weiterentwickelten Anregungen aus Pop, aus Indie, elektronischer und klassischer Musik erfassen zu können.

Jeder Song ein kleiner Kosmos. Der Opener „Monsters“ zum Beispiel, dessen Lyrics die Konflikte und das wiederkehrende Thema der „Friends & Enemies“ einführen, der einem außerdem über Synth-Miniaturen und Loop-Aufbau den Weg ins Album hinein weist, um sich gemächlich in ein Hook-Crescendo zu steigern und in geisterhafter Stimmung abzuklingen.

Oder „Streets“, eine String-unterlegte, sehnende Fernwehhymne, deren Chorus augenblicklich im Lieblingsliedzentrum andockt.

Der paneuropäische Überhit „Wings & Feathers“, den man zu jeder Croissantpause auf der Champs-Élysées reichen sollte oder einfach jedes andere Stück auf diesem Album.


Es sind ganze Welten in all diesen Texturen, Harmonien und kleinen Ideenexplosionen zu entdecken, es passiert so viel, dass andere Bands den Stoff von „Friends and Enemies“ zu mindestens drei Alben verarbeitet hätten. Zum Glück aber sind Abbby nicht wie andere Bands. Zum Glück ist das hier ganz schön einzigartig.

Hier noch eine Aufnahme, die die Livequalitäten dieser (noch) nicht sehr bekannten Band eindrücklich demonstriert.

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