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Elvis Costello And The Roots – Wise Up Ghost

“Das Letzte, was man von den Leuten hören möchte, ist, dass sie sagen: ‘Ah, ich weiss, was die machen’”, sagt Elvis Costello. “Denn dann haben sie ihrer Ansicht nach schon das halbe Album gehört.” Diese Gefahr läuft Costello bei seiner verblüffenden neuen Zusammenarbeit mit der US-HipHop-/Neo-Soul-Band The Roots nicht. Denn gemeinsam haben sie eines der bemerkenswertesten und überraschendsten Alben ihrer gesamten Karriere geschaffen. Ein Album, das Hörer mit vorgefassten Meinungen ganz sicher in Erstaunen versetzen wird.

Für die Beteiligten ist dies aber eigentlich nichts Ungewöhnliches. Sie haben im Laufe ihrer Karriere immer wieder mit anderen Künstlern experimentiert. So tat sich Costello zum Beispiel schon mit Burt Bacharach, Paul McCartney und Allen Toussaint zusammen, während The Roots Alben mit John Legend und Jay-Z aufnahmen sowie als Hausband von Jimmy Fallons “Late Show” Hunderte von unterschiedlichen Gästen begleiten. Doch mit dem “Wise Up Ghost”-Projekt betraten beide nun absolutes Neuland.

“Ich weiss nicht, welchen Namen ich dieser Musik geben soll”, sagt Costello. “Es ist wie ein großer Hexenkessel, in den wir allerlei Pülverchen und Zaubertränke, Frösche und Finger hineingeschüttet haben. Ich nenne das Rock’n’Roll – denn genau das ist es ursprünglich. Aber ich interessiere mich nicht sonderlich für Etikettierungen. Wichtig ist, ob wir es mögen und zu ihm stehen können.”

Ahmir “?uestlove” Thompson, musikalischer Mastermind und Schlagzeuger der Roots, legt Wert auf die Feststellung, dass “Wise Up Ghost” eine sehr zeitgenössische Arbeit ist. “In der heutigen Gesellschaft verschwimmen Trennungslinien, versuchen die Leute alles zu verschmelzen und die Samtfesseln nach Möglichkeit abzustreifen.”

Der Grundstein zu diesem Album wurde schon 2009 gelegt, als Costello das erste Mal in der “Late Show” von Jimmy Fallon auftrat und dort mit den Roots zusammenspielte. Bei zwei weiteren Gastspielen in den folgenden Jahren vertiefte sich die Freundschaft zwischen Costello und Thompson so sehr, dass sie schliesslich überein kamen, die Zusammenarbeit fortzuführen und auf ein neues Level zu heben.

“Die Roots sind eine grossartige Band mit einem sehr weiten musikalischen Horizont”, sagt der britische Sänger. “Ich hatte das Gefühl, dass mit dieser Band alles möglich sein würde… Wir hatten anfangs keine Ahnung, welche Form die Zusammenarbeit annehmen würde, ob wir nur einen Song oder eine EP oder was auch immer machen würde. Aber die Ideen purzelten nur so aus uns heraus und sie schienen durch einen gemeinsamen rhythmischen und lyrischen Ansatz miteinander verbunden zu sein.”

“Ausgesprochen kraftvolle Songs müssen schon im Rohzustand kraftvoll klingen”, sagt Thompson, der schon Alben von Grössen wie Al Green und Booker T. Jones produziert hat. “Also setzen wir unsere Ideen zunächst nur mit Schlagzeug und Klavier um. Und wenn sie in dieser Zwei-Mann-Kombination überzeugten, begaben wir uns aufs nächste Level und brachten die Band ins Spiel.”

“Sowohl die Roots als auch Elvis Costello sind für ihre Experimentierlust bekannt”, fährt Thompson fort. “Es gibt sicherlich keine andere HipHop-Band, die die Geduld ihrer Fans so sehr auf die Probe gestellt hat und deren musikalisches Wissen so sehr erweitert hat wie wir es taten. Elvis und die Roots wägen alles genau ab, wir sind keine Ja-Sager, und wir wussten, was wir einander bieten konnten.”

Übereinstimmung herrscht zwischen ihnen auch darin, dass Steve Mandel, der das Album mit Costello und Thompson koproduzierte, für die Entstehung von “Wise Up Ghost” unverzichtbar war. “Steve war bei diesem Prozess eine Schlüsselfigur”, meint Thompson. “Er ist der perfekte Navigator für dieses Schiff, er kennt die Stärken von uns beiden sehr genau. Diese Platte ist ein Beispiel für ein wirkliches Gipfelteffen: hier treffen sich Elvis und die Roots an der Mittellinie, mit Steve als Schiedsrichter.”

So harmonisch wie die Aufnahmen verliefen, so kontrovers sind die Emotionen in Costellos Texten. In ihnen geht es um Visionen von modernem Chaos und Verhängnis, um eine von Gier und Täuschung geprägte Kultur. “Ich hatte nicht geplant, über solche Trostlosigkeiten zu schreiben”, sagt Costello, “aber man kann doch nicht die Dinge verleugnen, die man sieht und fühlt. Wenn man aus dem Fenster schaut, den Fernseher einschaltet, eine Zeitung aufschlägt… stösst man auf all diese trostlosen Geschichten. Sie existieren wirklich. Ich erzähle nichts noch nie dagewesenes. Es scheint, dass wir uns damit abgefunden haben, wie die Dinge sind, dass wir die Vorstellung akzeptiert haben, dass andere den Preis für unsere eigene Zufriedenheit zahlen müssen. Das war schon einmal anders, wir hatten früher größere Ziele. Und mir wäre es lieber, wenn wir wieder etwas hätten, auf das man sich freuen könnte.”

“Ich war gespannt, ob Elvis so wortreich sein würde wie auf seinen klassischen Alben”, sagt Thompson. “Und er hat mich nicht enttäuscht! Selbst die Liebeslieder sind sehr anschaulich; ich habe schon lange nicht mehr mit einem Sänger zusammengearbeitet, der mich sehen liess, was ich hörte, und nicht einfach nur Songs nach einem Reimschema kreierte. Es gibt nur wenige Songschreiber, die es schaffen, bei ihren Texten so an die Grenzen zu gehen und dennoch ihre Zugänglichkeit wahren.”

Das Album hat Momente von unbestreitbarer Schönheit. Der spannungsgeladene, muntere Song “Tripwire” ist einer davon. Aber im Hinblick auf das gesamte Album meint Thompson dann doch: “Das ist die apokalyptischste Liebesgeschichte, die ich je gehört habe.” Deshalb schlug er vor, das Album etwas leichter ausklingen zu lassen. Costello hatte keine Einwände und lieferte ihm “If I Could Believe”, eine Meditation über das Ringen nach Glauben, mit einem sparsamen, unter die Haut gehenden Arrangement.

Wie das Publikum oder die Kritiker das Projekt “Wise Up Ghost” aufnehmen werden, darum machen sich Costello und die Roots keinerlei Gedanken. “Wenn man etwas macht, das sich extrem von dem unterscheidet, was man normalerweise macht, dann kann man die Leute damit positiv überraschen oder auch wirklich verärgern”, sagt Elvis Costello. “Aber wenn man Musik macht, dann überlegt man vorher nicht, wer sie vielleicht nicht hören wird. Man folgt seinem Herzen.”

Ahmir “?uestlove” Thompson kann es noch immer nicht recht fassen, dass er die Chance hatte, mit einem seiner musikalischen Helden so intensiv zusammenzuarbeiten. “Es ist selten, dass drei gute Freunde ein solches leidenschaftliches Projekt zusammen machen können – wobei einer dieser drei ein Idol der beiden anderen ist”, sagt er. “Aber eines war mir von Anfang an klar: Ich wollte ein Album machen, das man auch noch in zwanzig Jahren hören wird, ein Album, das in der Zukunft zu den Top-10-Alben von Elvis Costello gerechnet werden sollte. Ein Album, über das ich auch ausflippen würde, wenn ich heute ein 24-Jähriger wäre.”

Hörtipps

Walk Us Uptown

Refuse To Be Saved

Wake Me Up

Tripwire

Come The Meantimes

If I Could Believe

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